(Ab)Serviert

 

Fest umklammerte Victoria den kalten Stahl.

André lief vor dem Küchenblock auf und ab und unterstrich mit allerlei Gesten seine Enttäuschung über die verpasste Chance eines gemeinsamen Traumurlaubes. Die nörgelnde Stimme fraß sich in ihre Gehörgänge wie Säure. „Du hättest mir wenigstens Bescheid geben können, dass du mal eben nach Florida fliegst. Vielleicht wollte ich ja mit.“

Natürlich hätte er mitgewollt.

„Wir hätten zusammen nach Disneyland gekonnt.“

Gott bewahre.

„Aber nein, du musstest ja wieder mit deiner Neila los.“

Jetzt kam wieder das Thema.

„Wir waren so lange nicht mehr zusammen weg.“

Wenn er doch nur für fünf Minuten verschwinden würde: Dann könnte sie das Alles im Handumdrehen mit Magie erledigen. So musste sie sich mit dem Kartoffelschäler abmühen.

„Ein Freund von mir hat mal ein Jahr in Miami Beach gewohnt. Er sagt, man kann dort wunderbar ...“

Victoria seufzte. Hieß es nicht immer, Frauen seien die Labertanten?

„Hey, hörst du mir überhaupt zu?“

„Natürlich.“

„Ok“, sagte André und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann sag mir mal, wovon ich gerade gesprochen habe.“

„Florida und Disneyland.“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Oder vielleicht lag es nur an der Brille. War er eigentlich kurz- oder weitsichtig?

„Warum hörst du mir nie zu?“

Die Rollenverteilung war hier eindeutig falsch.

„Ich versuche die ganze Zeit, dir zu erklären, wie wichtig die Kommunikation in einer Beziehung ist ...

Victoria verdrehte die Augen und nahm sich die letzte Möhre vor.

„Warum gehst du in letzter Zeit nicht mehr ans Telefon, wenn ich dich anrufe? Ich habe das Gefühl, als wolltest du mich gar nicht mehr sehen. Ist da etwa ein anderer im Spiel?“

„Wie kommst du denn darauf?“ Victoria raspelte die Möhren und verteilte sie auf der Alufolie. Die Regenbogenforelle lag gleich daneben.

„Erzähl mir doch nix.“

Als ob er sie zu Wort kommen lassen würde.

„Du gehst alleine aus, fährst ohne mich in Urlaub, sprichst nicht mehr mit mir ...“

Sie bettete den Fisch auf den Möhren, streute Meersalz darüber und legte ein paar Gewürze dazu. Das sollte reichen.

„ ... und beim Sex bist du total abwesend. So als würdest du in Gedanken irgendwelche mathematischen Formeln berechnen.“

So daneben lag er damit gar nicht.

„Wenn du nicht mehr mit mir zusammen sein willst, dann sag es.“

Wahrscheinlich wartete er jetzt darauf, dass sie ihn in den Arm nahm und ihm sagte, wie sehr sie ihn liebte. Sie verzog das Gesicht. Hexen waren schlechte Lügnerinnen.

„Ich habe recht, stimmt´s?“

Victoria rührte die Soße nach dem Rezept ihrer Mutter ein letztes Mal um und probierte. Vielleicht noch etwas mehr Dill und einen Spritzer Zitrone.

„Kenne ich ihn?“

Mist! Sie hatte ganz vergessen, die Kartoffeln zu kochen.

„Warum antwortest du nicht?“

Victoria seufzte und stellte den Backofen an. „Es – gibt – keinen – anderen – Mann!“

Es klingelte.

„Wartest du bitte einen Moment, ich glaube, das sind Neila und die Anderen.“

„Die Verrückten schon wieder? Ich dachte, dass wäre so Etwas wie ein Candelight-Dinner.“

Victoria ballte die Hände zu Fäusten. „Vielleicht täte es dir auch mal ganz gut, dich mit deinen Freunden zu treffen.“

„Ich will aber mit dir zusammen sein“, sagte André und legte den Kopf schief. Er griff nach ihrem Handgelenkt. „Schick sie weg.“ Mit einer Bewegung zog er sie an sich. „Lass uns den Abend genießen. Nur wir Beide. Ein romantisches Essen ...“, Er strich über ihren Rücken., „... nachher vielleicht noch ein schöner Film – das heißt, wenn wir dazu kommen.“

Mit breitem Grinsen stand André vor Victoria und hob bedeutungsvoll die Augenbrauen.

Wenn er jetzt auch noch zwinkerte, würde sie schreien.

Es klingelte – lange und laut. Wahrscheinlich hatte Neila sich gegen den Knopf gestemmt. Und sie würde erst loslassen, wenn die Tür aufging.

Viktoria wand sich aus der Umarmung. „Heute ist wirklich ungünstig. Neila will was mit mir besprechen.“

André zog die Augenbrauen zusammen und wurde rot wie eine überreife Tomate. „Die ist dir also wichtiger als ich? Ich fasse es nicht. Da komme ich hierher, bringe dir Rosen und Champagner und du lässt mich stehen wegen einer durchgeknallten ...“

In Victorias Händen zuckte es gefährlich. „Bitte!“

Skeptisch und fragend sah André sie an. „Ist es etwa Neila? Bist du jetzt zum anderen Ufer übergegangen?“

„Was?“ Die Fassungslosigkeit ließ Victorias Stimme um zwei Oktaven in die Höhe schießen.

André schlug sich die flache Hand an die Stirn. „Natürlich: Du bist lesbisch!“

„Das ist doch lächerlich.“

„Lächerlich? Hier ist nur eines lächerlich: dein Verhalten.“

Es brodelte in Victorias Inneren. Das Zittern breitete sich auf den ganzen Körper aus.

„Du ziehst Neila ...“, Er spie ihren Namen förmlich aus., „... mir vor? Mir!“

Es klingelte abermals.

Victoria schaute zur Tür. „Bitte! Lass uns später reden.“

„Es wird kein später geben. Entweder du sagst mir jetzt, was los ist, oder ...“

„Oder was?“

André verschränkte die Arme und machte einen Schmollmund. „Oder ich gehe. Auf nimmer Wiedersehen!“

Es klingelte – lange und eindringlich.

„Gut. Dann auf Wiedersehen.“

Wieder griff er nach Victorias Arm. „Du servierst mich einfach so ab.“

Victoria presste die Zähne aufeinander. „Lass – mich – los!“

„Erzähl mal. Was macht ihr so, wenn ihr alleine seid.“

Eine elektrisierende Anspannung breite sich in Victoria aus. Mit einer kurzen Bewegung entzog sie André ihren Arm. „Hör – endlich – auf!“

„Küsst ihr euch?“

„Hör – auf!“

„So richtig mit Zunge?“

Das Zucken konzentrierte sich in Victorias Handflächen. Sie konnte es nicht länger aufhalten. Ein Ruck ging durch ihren Körper.

Andrés Augen weiteten sich; in seinen Brillengläsern spiegelte sich ihre grüne Haut. Wie bei einem Fisch klappte sein Mund auf und zu.

Immer das Selbe! Wenn die Menschenmänner erkannten, was hinter dem schönen Äußeren steckte, verschlug es ihnen die Sprache.

Die Magie strömte aus Victorias Händen, verursachte einen Sog und umschloss André wie eine giftige, grüne Wolke. Seine Gestalt verzog sich wie ein Gummiband. Er riss den Mund auf, aber kein Laut durchdrang den Nebel. Panisch sah er sich um und versuchte den Messerblock auf der Anrichte zu erreichen.

Victoria spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Ihr Körper wurde leicht, fast so, als würde sie schweben. Sie lächelte.

Andrés Beine verschmolzen zu einer grauen Masse. Er fiel und robbte auf dem Bauch über den Küchenboden, krallte die schuppigen Finger in das Holz der Arbeitsplatte. Entsetzen spiegelte sich in seinem Gesicht.

Wie aus einer Knetmasse formte Victoria neues Leben. Farben verwischten und Formen verschwammen und anstelle des blond gelockten Mannes zappelte nun eine Regenbogenforelle auf dem Küchenboden.

Wieder klingelte es.

„Ja-a, ich komme.“

Sie wirbelte den Fisch durch die Luft und mit einem Platschen landete er im Waschbecken. In welchem Gewässer sie ihn aussetzte, würde sie sich später überlegen.

 

Kaum hatte Victoria die Tür einen Spalt geöffnet, bestürmten sie ihre Freundinnen auch schon. „Hey, was ist los? Du hast ja Ewigkeiten gebraucht.“

„Ich habe den Fisch vorbereitet.“

Anstatt der erwarteten drei Freundinnen kamen insgesamt sieben durch die Wohnungstür.

„Aber ich glaube, wir müssen beim Lieferservice anrufen.“

Neila, ihre beste und älteste Freundin, lachte und drückte sie. „Mach dir mal keine Sorgen, das kriegen wir schon hin.“

Victoria löste sich aus der Umarmung und öffnete die Tür zum Badezimmer. „Geht doch schon mal in die Küche.“

Sie schloss die Tür, stützte sich auf das Waschbecken und drehte den Hahn weit auf. Unter dem eiskalten Wasser beruhigte sich ihr Puls.

 

Als sie die Küche betrat, war der Tisch bereits gedeckt. Vielversprechend lag der Geruch von gedünstetem Fisch in der Luft.

„Essen ist fertig“, trällerte Sybille, die jüngste der Freundinnen.

 

Jetzt verschlug es Victoria die Sprache. Auf der Servierplatte lagen dampfend statt einer – zwei Regenbogenforellen.