Der Turborüttler

 

Heidi Schön hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Das Einzige, was sie jetzt will, ist Ruhe. Sie holt die Post aus dem Briefkasten, fährt in den achten Stock und stellt den Wasserkocher an.

Fünf Minuten später schlurft sie mit Tee, einem Buch und einer Decke in die Stube. Da liegt noch die Post. Sie sortiert. Zeitungen auf einen Stapel, Werbung auf einen anderen. Den Brief öffnet sie.

Die Firma ‚Hirnlos‘ schickt eine Rechnung über den ‚Turborüttler‘.

Heidi runzelt die Stirn. Das Ding hat sie vor zwei Monaten reklamiert. Die fett gedruckte Zahl fällt sofort ins Auge. Ihre Hand zittert. Sie stellt die Teetasse ab und liest den Text. Neben all den umständlichen Gebührenberechnungen und Werbung für weitere Produkte der Firma ‚Hirnlos‘, finden sich Hinweise über die Folgekosten eines Mahnverfahrens. Der Herzschlag beschleunigt. Sie sucht nach einer Telefonnummer. In der Fußzeile und in Winzschrift steht sie.

Heidi wählt und wird von einem Sprachcomputer aufgefordert aus den vorgegebenen Menüpunkten den passenden auszuwählen. Das muss sie insgesamt zehn Mal machen. Dann erklingt Musik. Nach einer halben Stunde meldet sich eine Frauenstimme.

„Willkommen bei der ‚Hirnlos-Hotline‘. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Guten Tag. Mein Name ist Heidi Schön. Ich habe vor zwei Monaten den ‚Turborüttler‘ bestellt und ihn nach zwei Tagen zurückgeschickt. Heute habe ich eine Rechnung von Ihnen erhalten. Ich soll eine Nutzungsgebühr von 2.500 € zahlen. Können Sie mir das erklären?“

„Warten Sie einen Moment. Da muss ich erst in ihre Daten sehen.“

Heidi Schön malt Kringel auf die Rechnung und wartet auf Antwort. Doch die kommt nicht. „Hallo?“, fragt sie vorsichtig nach.

„Ja.“

„Haben sie die Daten gefunden?“

„Nein. Dazu brauche ich ihren Namen und die Kundennummer.“

Heidi hält in ihren Zeichnungen inne. „Ja, und warum fragen Sie dann nicht?“

„Aber das habe ich doch eben. Name und Kundennummer bitte.“

„Sie haben mindestens fünf Minuten am Telefon geschwiegen. Erst als ich sie fragte, ob Sie meine Daten haben ...“

„Name und Kundennummer bitte.“

Heidi runzelt die Stirn. War das wieder so ein dummer Sprachcomputer? „Wie heißen Sie denn, junge Dame.“

Kurze Pause. „Schmidt. Mein Name ist Schmidt. Würden Sie mir nun bitte ihren Namen und die Kundennummer verraten?“

Kein Sprachcomputer. Ok. Heidi malt weiter Kringel auf die Rechnung. „Mein Name ist Heidi Schön.“

„Bitte erst die Kundennummer.“

„Kundennummer ... ach, da steht sie ja. Das ist die 123.456.789.“

Heidi hört das Tippen. Dann Ruhe.

„Brauchen Sie jetzt meinen Namen?“

„Ja. Das habe ich Ihnen doch gesagt.“

Heidi verdreht die Augen. „Heidi Schön.“

Die Frau am anderen Ende tippt. Dann Ruhe.

Heidi hat inzwischen den gesamten rechten Dokumentenrand mit Kringeln verziert. „Sind Sie noch da?“, fragt sie.

„Aber natürlich. Wie kann ich ihnen helfen?“

Heidi bezweifelt inzwischen ernsthaft, dass die Frau das vermag. „Ich habe vor zwei Monaten den ‚Turborüttler‘ bei Ihnen bestellt und ihn zwei Tage später reklamiert. Heute habe ich aber eine Rechnung von Ihnen erhalten.“

„Das ist richtig. Sie schulden uns die Nutzungsgebühr für zwei Monate.“

„Wie kann ich Ihnen eine Gebühr für etwas schulden, das ich bereits vor zwei Monaten zurückgegeben habe?“

„Es tut mir leid. Ich kann die Kaufdaten nicht einsehen. Hier steht lediglich, dass Sie die Nutzungsgebühr für zwei Monate schulden.“

Heidis Kringel werden fahriger und dunkler. „Könnten Sie mich bitte zu jemanden durchstellen, der die entsprechenden Daten einsehen und mir helfen kann?“

„Bitte warten Sie einen Moment.“

Ehe Heidi etwas entgegnen kann, hört sie Musik. Zehn Minuten lang. Dann kehrt die Frauenstimme zurück. „Es tut mir leid, leider können wir die Nutzungsgebühr nicht erstatten.“

Heidi drückt so heftig mit dem Kuli auf das Papier, dass ein Loch entsteht. „Aber ich habe das Gerät doch gar nicht mehr.“

„Das stimmt. Das Gerät ist vor zwei Tagen bei uns eingetroffen. Damit schulden Sie uns die Nutzungsgebühr für zwei Monate.“

„Das kann nicht sein. Ich habe es doch bereits vor zwei Monaten zurück geschickt. Ich habe den Beleg von der Post hier.“

„Ich kann Ihnen nicht sagen, warum es erst vor zwei Tagen hier ankam. Deshalb schulden Sie uns ...“

„Ich weiß, dass ich Ihnen die Nutzungsgebühr von zwei Monaten schulde.“

„Ja, dann ist doch alles geklärt. Sobald Sie die Nutzungsgebühr bezahlt haben, wird der Vorgang geschlossen.“

Heidi springt von ihrem Stuhl. „Gar nichts werde ich bezahlen, weil ich dieses Ding nie benutzt habe. Ich habe es vor zwei Monaten zurückgeschickt.“

„Frau Schön. Wie ich Ihnen bereits sagte, kam das Gerät erst vor zwei Tagen bei uns an. Daher können wir die Gebühr nicht erstatten.“

„Aber ich habe das Ding doch reklamiert. Ich habe von meinem Rückgaberecht Gebrauch gemacht.“

„Da der ‚Turborüttler‘ aber erst vor zwei Tagen hier eintraf und zudem bereits genutzt wurde ...“

„Ich habe ihn nur einmal getestet. Er hat nicht funktioniert. Deshalb habe ich ihn reklamiert.“

„Trotzdem sind Sie uns die Gebühr für zwei Monate schuldig.“

Heidi rauft sich die Haare. „Haben Sie mir eigentlich zugehört. Das Ding war defekt. Ich habe es reklamiert. Vor zwei Monaten. Ich-habe-es-nicht-benutzt.“

„Es tut mir leid. Ich kann nichts für Sie tun.“

„Dann stellen Sie mich zu jemandem durch, der mir helfen kann.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich kann keine Telefonate in die Reklamation durchstellen.“

Heidi merkt, wie die Wut sich in ihrem Magen ausbreitet wie eine giftige Wolke. Sie läuft zum Fenster, sieht hinaus. Ein Hund erledigt sein Geschäft auf der Grünfläche eines Spielplatzes. Die Wut schiebt sich wie überflüssige Magensäure in Richtung Kehle. Heidi öffnet das Fenster und wedelt mit der Faust in Richtung Hundebesitzer. „Machen Sie die Scheiße da weg.“

„Wie bitte?“, fragt die Callcenterangestellte.

„Nicht Sie. Aber Sie dürfen mir jetzt verraten, warum sie mich nicht durchstellen können?“

„Es ist technisch nicht möglich.“

„Was ist denn das für ein Quatsch. Sie werden doch wohl eine Verbindungstaste auf ihrem Telefon drücken können, um mich durchzustellen.“

„Es gibt hier keine Verbindungstasten.“

Heidi ballt die Hände zu Fäusten, beißt sich auf die Zunge, überlegt noch einmal und wählt sorgfältig ihre Worte. „Dann geben Sie mir doch die Telefonnummer von der Reklamationsabteilung und ich rufe dort selber an.“

„Das geht nicht.“

Heidi würde am Liebsten schreien, das Telefon gegen die Wand schmeißen. Aber sie zwingt sich zur Ruhe. „Warum nicht?“, fragt sie betont freundlich.

„Wir dürfen die Telefonnummern nicht weiter geben.“

Die Wut erreicht Heidis Stimmbänder. „Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich schon mal den Turborüttler ausprobiert?“

„Nein.“

„Das sollten Sie mal tun. Am besten setzten sie sich das Teil auf ihren saublöden Schädel und lassen sich das Hirn mal ordentlich durchrütteln.“

„Nun werden Sie mal nicht unverschämt.“

„Dann stellen Sie sich doch nicht an, als seien Sie dümmer als ein Schluck Wasser. Es ist doch wohl logisch ...“ Heidis Stimme überschlägt sich. „... dass ich keine Nutzungsgebühr für ein Gerät zahle, das ich vor zwei Monaten reklamiert habe.“

„Es ist bei uns aber erst vor zwei Tagen eingegangen.“

„Versuchen Sie doch mal das letzte bisschen Verstand das Sie haben einzusetzen.“

„Nun werden Sie mal nicht unverschämt.“

Heidis Stimme steigert sich in schrille Dissonanzen. „Wissen Sie was, sie können ... piep ... und sich das ... piep ... Dieser Saftverein ... piep.“

„Es tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Ach, hol sie doch der Teufel.“

Keine Widerworte von der anderen Seite. Heidi fragt nach. „Hallo?“

Die Leitung ist tot.

Ups.