Die italienische Lösung

 

Anhaltendes Klopfen drang in die Schwärze; Pater Lorenzi blinzelte und tastete auf der Suche nach seiner Brille über den Nachtschrank. Mit vom Schlaf tauben Fingern setzte er sie auf und schaute auf den Wecker: Es war sechs Uhr.

Wieder klopfte es. „Pater Lorenzi, Pater Lorenzi!“

Er erkannte die Stimme; es war Schwester Vincenza, aber statt wie sonst ruhig und leise zu sprechen, klang sie schrill und viel zu laut.

Das Klopfen verstummte und mit einem Ruck wurde die Tür geöffnet.

Schwester Vincenza gestikulierte wie ein aufgescheuchter Schwan mit den Armen. „Kommen Sie, Pater. Sie müssen sofort mitkommen!“

Verwundert über die forsche Art Schwester Vincenzas, zog Lorenzi die Bettdecke bis zum Kinn hoch. „Warum wecken Sie mich zu so früher Stunde?“, fragte er.

Schwester Vincenza erstarrte mitten in der Bewegung und atmete hörbar ein, ehe sie zwei Worte ausstieß: „Der Papst.“

Mit einem Ruck setzte Pater Lorenzi sich auf. „Was ist mit dem Papst?“

„Tot“, hauchte Schwester Vincenza und ging.

Es war nur ein einziges Wort. Ein Wort, das dafür sorgte, dass Adrenalin mit Lichtgeschwindigkeit in Lorenzis Adern rauschte, sein Herz zu Höchstleitungen antrieb und ihm kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Ein Wort, dessen Bedeutung so klar war, wie sonst nur seine Gedanken an Gott und das doch so viele Fragen aufwarf, allem voran die Fragen nach dem Wie und dem Warum.

Wie in Trance kleidete Lorenzi sich an und eilte hinunter in die Gemächer des Papstes. Die einsamen Flure erschienen ihm heute noch viel länger, als in den vergangenen Wochen. Seine Schritte halten an den Wänden wider und brachen sich in den Falten der Gewölbe fünf Meter über seinem Kopf zu einem misstönenden Crescendo.

Die Tür zu den Räumen des Papstes war verschlossen.

Pater Lorenzi klopfte an und lauschte den eiligen Schritten, die sich der Tür näherten.

Schwester Vincenza öffnete und sagte etwas, doch Lorenzi hörte nur ein undefinierbares Buchstabengewirr, das durch seinen Kopf schwirrte wie ein Scharm Hornissen.

Das Arbeitszimmer des Kirchenoberhauptes sah aus wie immer: Der zwei Meter breite Schreibtisch in dunklem Holz dominierte den Raum. Ein Stapel Papiere, eine Lampe und eine vergoldete Standuhr, gehalten von zwei Engeln und einer Taube, befanden sich darauf. Die deckenhohen Regale waren voller Bücher, die jetzt, im Halbdunkel, wie gigantische Schattenriesen auf Lorenzi hinabblickten.

Schwester Vincenza öffnete die Tür zum Schlafgemach des Papstes, das – anders als das Arbeitszimmer – hell erleuchtet war.

Lorenzi trat ein und schaute dem Toten ins Gesicht.

Kein Lächeln.

Der Kopf des Papstes lag mit schiefer Brille und zur Seite geneigt auf der Schulter.

Lorenzi wankte, drückte die Faust auf seinen Mund und näherte sich dem Bett des Papstes. Er kniete sich hin und legte die Stirn auf eine Hand des Papstes, des Mannes, der ihm in den vergangenen Jahres ein Vater geworden war. Ein Vater, der weitaus bedeutender war, als jedes Oberhaupt der Kirche es je sein würde.

Wie konnte das sein? Gestern war alles in bester Ordnung gewesen. Wie jeden Abend hatte der Papst – Luciani, wie Lorenzi ihn nach wie vor nannte - sich nach dem Abendessen in seine Räume zurückgezogen, hatte sich von Lorenzi verabschiedet und ihm eine Gute Nacht gewünscht und wie immer mit den Worten ‚So Gott will‘ geschlossen.

Lorenzi spürte eine Berührung an seiner Schulter und hörte eine andere Stimme, die ihm in den vergangenen Wochen vertraut geworden war. Er drehte sich um.

Staatssekretär Villot stand aufrecht und mit verschränkten Fingern neben dem Nachtschrank des Papstes. Seine getönte Brille verbarg nicht die Augenränder, die dahinter lagen. Offensichtlich hatte der Kardinal nicht genug oder sehr unruhig geschlafen. Seine Augenbrauen hingegen bildeten wie stets Bögen, die beinahe rechtwinkelig waren.

Villot ging einen Schritt näher an das Bett des Papstes. „Wenn Sie erlauben, sehe ich nach seiner Heiligkeit“, sagte er.

Es war, als wäre Lorenzi in den vergangen Minuten um Jahre gealtert. Kraftlos und müde stemmte er sich hoch und mied den Anblick des starren Gesichts Lucianis. Stattdessen konzentrierte er sich auf die nähere Umgebung, allem voran auf die Papiere, die auf der Bettdecke verteilt lagen.

Auf einem Papier - dem, welches der Hand des Papstes am nächsten lag - waren Namen aufgelistet, doch ehe Lorenzi sie lesen konnte, drängte sich Villot an das Bett und versperrte die Sicht.

Lorenzi wich einen Schritt zurück und stieß gegen den Nachtschrank. Ein Glas, mit einem Rest Wasser darin, rutschte über die glatte Oberfläche und kurz bevor es den Rand erreichte, fing Lorenzi das es ab. Das Wasser schwappte über den Rand und auf Lorenzis Hand, sowie auf eine kleine Flasche mit der Aufschrift ‚Effortil‘; Lucianis Medizin gegen seinen zu niedrigen Blutdruck.

„Der Papst ist tot“, sagte Villot mit monotoner Stimme.

Tot.

Zwar hatte Lorenzi das wie jeder andere im Raum bereits gewusst, aber es zu hören, hatte doch etwas Endgültiges.

„Dr. Buzzonetti muss unterrichtet werden“, sagte Villot und verließ den Raum.

Lorenzi wischte sich die Tränen aus den Augen, blinzelte und suchte nach einem Zeichen, nach einem Gedanken, einem letzten Gruß in Lucianis Gesicht, doch dessen Ausdruck blieb verzerrt.

Jemand hatte ihm die Brille abgenommen.

Auch die Papiere waren verschwunden. Mit zwei Schritten stand Lorenzi vor dem Bett des Papstes. Keine einzige Seite lag mehr dort. Weg.

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus und verdrängte für einen Moment die Trauer. Auch der Nachttisch war leer. Das Effortil war ebenso verschwunden, wie das Wasserglas.

Lorenzi eilte in das angrenzende Arbeitszimmer.

Villot stand am Schreibtisch, den Telefonhörer am Ohr. „Er muss schnellstmöglich einbalsamiert werden; die Gläubigen werden kommen, um zu trauern.“

Lorenzis Wunsch, mit dem geschäftigen Staatssekretär zu reden, verpuffte, denn Villot hatte Recht: Die Menschen würden trauern und den Papst sehen wollen, um sich zu verabschieden.

Von seinen Gefühlen überwältigt, wanderte Lorenzi durch das Gebäude und suchte nach Fragen, die das formulierten, was sich in seinem Magen zusammenbraute.

Die Flure, die ihm noch vor wenigen Minuten unendlich lang erschienen waren, drängten sich nun um ihn zusammen und nahmen ihm die Luft zum Atmen. Ihm war, als spüre er das Gewicht der Gewölbe auf seinen Schultern und fühle, wie sich die Falten in seine Haut gruben.

Die Tür am Ende des Ganges ermöglichte Lorenzi die Flucht vor der Enge.

Das erste Licht des Tages erhellte den Hof und zeichnete die Silhouette der anderen Gebäude auf die Steine.

Die kühlte Morgenluft trocknete Lorenzis nasse Wangen und weckte ihn aus seiner Trance. In Gedanken versunken ging er durch die Gassen des Vatikanstaates. Anders als sonst, waren trotz der frühen Morgenstunde mehrere Kardinäle und Bischöfe auf den Beinen. Sie standen in Gruppe zusammen und redeten leise. Einer zeigte hinauf zu den Fenstern des Papstes und bedeutete Pater Lorenzi mit einer Geste, sich zu ihnen zu gesellen, doch Lorenzi grüßte nur mit einem Nicken. Auf der Suche nach einem einsamen Platz, ging er an der Rückseite der Vatikanbank entlang.

Lorenzi war nicht der einzige, der die Vatikanbank als Ziel eines morgendlichen Spaziergangs auserkoren hatte; ein Mann, dessen Statur ihm den Spitznamen Gorilla eingebracht hatte, verließ genau in dem Moment die Bank: Kardinal Marcinkus.

Warum war der Chef der Vatikanbank zu dieser Uhrzeit hier? Jeder wusste, das Marcinkus kein Frühaufsteher war und seine Villa nur ungern verließ.

In Gedanken versunken beobachtete Lorenzi, wie Marcinkus sich von der Bank entfernte. Er selbst wählte einen anderen Weg – er ging zurück in seine Kammer.

Nach dem dritten Klingeln nahm Dr. Giuseppe Da Ros ab.

Lorenzi holte tief Luft und erzählte, was vorgefallen war.

„Unmöglich“, drang Da Ros‘ Stimme aus dem Lautsprecher. „Luciani war immer sehr vorsichtig und überaus gewissenhaft. Er hätte nie seine Medizin vergessen oder zu viel davon genommen. Ich werde mich sofort auf den Weg machen.“

Minutenlang saß Lorenzi auf seinem Bett und überlegte, welchen Schritt er als nächstes gehen sollte. Er rief sich die Ereignisse des Morgens in Erinnerung und dachte über die Worte des Hausarztes Da Ros nach. Lorenzi wusste, dass Da Ros die Wahrheit sprach. - Was auch immer geschehen war, Luciani war nicht freiwillig gegangen.

Von neuem Mut und neuer Energie erfasst, stand Lorenzi auf und machte sich auf den Weg zu Schwester Vincenza. Wenn jemand helfen konnte, die Wahrheit herauszufinden, dann sie. Schließlich war sie nicht nur diejenige, die den Papst gefunden hatte, sondern auch die, welche die Papst und seine Gewohnheiten am besten kannte und sich oft genug in seiner Nähe aufhielt, um Bescheid zu wissen, falls etwas vorgefallen war, was mit Lucianis Tod in Verbindung stand.

Als Lorenzi die Treppen hinuntereilte, sah er, wie Schwester Vincenza die Tür zum Arbeitszimmer des Papstes öffnete, sich nach allen Seiten umschaute und dann hineinging.

Lorenzi runzelte die Stirn und ging die übrigen Stufen hinab. Auch er blickte sich nach allen Seiten um, ehe er sich an die Tür lehnte und das Ohr auf das Holz drückte.

Schwester Vencenzas Stimme drang gedämpft zu ihm. „... traurige Nachricht“, sagte sie. „Luciani ist von uns gegangen.“

Es folgte eine Pause und die Sekunden zerrten an Lorenzis Nerven.

„Ich brachte ihm wie üblich seinen Tee, aber er antwortete nicht, ich hörte rein gar nichts aus seinen Räumen, wo er doch sonst zu so früher Stunde schon so geschäftig ist. Was soll jetzt nur werden? Es war alles umsonst, alle unsere Hoffnungen sind vergebens gewesen, der Vatikan wird nicht zulassen, dass etwas nach außen dringt.“

Lorenzis Herz pochte schnell und das Blut rauschte in seinen Ohren. Er drückte sich noch enger an die Tür.

„Er hatte die Listen, aber sie sind alle weg. Eben waren sie noch da und eine Minute später verschwunden. Niemand wird je das Geheimnis erfahren, denn es gibt keine Beweise mehr.“

Lorenzi legte seine Hand auf das Türblatt und schluckte. Er kannte Schwester Vincenza seit Jahren und sie hatte auf ihn nie den Eindruck gemacht, dass sie mit Geheimnissen zu tun haben könnte, geschweige denn mit welchen, die den Papst betrafen.

„Die Einbalsamierer sind bereits hier und sie sagten zu mir, der Papst könne unmöglich schon gestern gegen elf verstorben sein, wie es Dr. Buzzonetti attestierte.“ Vincenza schluchzte. „Wäre ich doch nur fünfzehn Minuten früher beim Heiligen Vater gewesen, dann würde er vielleicht noch leben und ...“

Ein Schweißtropfen lief Lorenzi an der Schläfe hinab und blieb einen Augenblick an seinem Kinn hängen, ehe er sich löste und eine kalte Spur auf seiner Haut zurückließ.

Schwester Vincenzas Stimme war verstummt und gerade als Lorenzi dachte, sie hätte bereits aufgelegt, sagte sie. „Es war die Liste der P2, ganz sicher.“

Lorenzi holte tief Luft.

„Viele Namen. Villot, Marcinkus, Sindona ...“

Die Aufzählung wurde von einem Geräusch unterbrochen, ein Geräusch, das klang, als würde jemand mit einem Stock gegen die Mauern des Vatikans schlagen. Dem Poltern folgte ein leises Murmeln und Schritte.

Lorenzi stieß sich von der Tür ab und stellte sich an ein Fenster an der gegenüberliegenden Seite des Flurs.

Wenn der Papst tatsächlich in Besitz einer Liste mit Namen der Mitglieder der Geheimloge P2 gewesen war, noch dazu mit Namen von Kardinälen, gleichauf mit Namen von Mafiagrößen, dann war Lorenzis Vermutung mit Sicherheit wahr. Luciani war ermordet worden.

Der Mann, der den Flur hinunter und in Lorenzis Richtung kam, war genau der richtige, um Lorenzis Fragen zu beantworten und alle notwendigen Schritte einzuleiten: Staatssekretär Villot, der von nun an die Geschäfte führte, bis ein neuer Papst gewählt würde.

Pater Lorenzi straffte die Schultern und ging Villot entgegen. „Kardinal Villot, ich bitte um fünf Minuten ihrer Zeit“, sagte er.

Villots Augenränder waren noch dunkler, als sie vor einer Stunde gewesen waren. „Ich habe wichtige Telefonate zu tätigen, Pater.“

„Sie müssen das Einbalsamieren stoppen“, sagte Lorenzi.

Der Staatssekretär verschränkte die Finger. „Die Gläubigen werden ihren heiligen Vater sehen wollen ...“

„Er wurde ermordet“, sagte Lorenzi und merkte, wie seine Stimme im Flur wiederhalte.

Villot zuckte zusammen und blickte sich um. „In Gottes Namen, seien sie ruhig“, sagte er und öffnete die Tür zum Arbeitszimmer des Papstes.

Lorenzi machte einen Schritt rückwärts, die Stimme der weinenden Schwester Vincenza in seinen Ohren. „Wir können nicht ...“

„Kommen Sie mit“, sagte Villot und betrat das Zimmer.

Es war leer.

Keine Schwester Vincenza.

Erleichtert atmete Lorenzi aus. Er mochte Schwester Vincenza und wollte nicht, dass ihr etwas zustieß, weil sie zu viel wusste.

„Wie kommen Sie dazu, eine solch dreiste Unwahrheit in den Räumen seiner Heiligkeit zu äußern“, sagte Villot. Seine Stimme klang scharf wie ein Rasiermesser. „Er ist eines natürlichen Todes gestorben, den Dr. Buzzonetti feststellte. Wahrscheinlich hat der Papst zu viel seiner Medizin eingenommen.“

„Luciani hätte nie eine Überdosis genommen. Auch nicht aus Versehen. Er war ...“

„Was er getan hätte oder nicht, ist nicht mehr von Belang. Der Papst ist tot und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Vatikan keinen Schaden davon nimmt.“

Lorenzi ballte die Hände zu Fäusten. „Luciani hat nie irgendjemanden geschadet. Er war ein großer Mann. Ein wirklicher Hirte Jesu ...“

„Der tot ist.“

„Der ermordet wurde.“

„Er ist an einem Herzinfarkt gestorben.“

„Wenn Sie sich so sicher sind, dann wird es kein Problem sein, eine Autopsie anzuordnen.“

Villot holte geräuschvoll Luft. „Sehen Sie das, Pater“, sagte er und zeigte auf den Schreibtisch am anderen Ende des Raumes. „Darum muss sich gekümmert werden. Arbeit, die der Papst hinterlassen hat.“

„Sind da die Listen?“, fragte Lorenzi.

„Welche Listen?“

„Die mit den Namen. Mit ihrem Namen. Und dem Marcinkus‘. Sie haben die Papiere mitgenommen. Ebenso die Brille und das Effortil.“

Wieder verschränkte Villot die Finger, den Blick fest auf Lorenzis Gesicht gerichtet. „Die Räume des heiligen Vaters müssen versiegelt werden. Dazu ist es nötig, alles aus den Räumen zu entfernen. Das ist meine Aufgabe. Es gab keine Listen. Ich habe lediglich die Reden, welche der Papst in den kommenden zwei Monaten geplant und vorbereitet hatte, an mich genommen, um sie seinem Nachfolger zu übergeben. Aber überzeugen Sie sich am besten selbst“, sagte Villot und deutete abermals auf den Schreibtisch.

Lorenzi wusste, dass er nicht finden würde, wonach er suchte. „Was ist mit der Medizin? Warum ist sie verschwunden?“ Ein schrecklicher Gedanke bemächtigte sich Lorenzis. „Nicht Effortil. Gift ...“

Villot beugte sich so weit vor, dass sein Gesicht nur eine handbreit von Lorenzis‘ entfernt war. „Es gibt Dinge, die Verlassen den Vatikan nie, verehrter Pater. Wir dürfen der Kirche nicht schaden, weder ich, noch Sie, noch sonst jemand. Der Papst ist leider von uns gegangen und er wird nicht wiederkehren und Millionen Menschen auf der ganzen Welt werden um den Papst trauern.

Wollen Sie den Menschen, deren Hoffnung in Gott, in ihrem heiligen Vater, dem Führer der Kirche, liegt, zerstören? Wollen Sie dafür verantwortlich sein, wenn die Kirche auseinanderbricht und die Welt mit ihr?“ Villot strafte die Schultern und stellte sich aufrecht hin. „Gehen Sie, Pater. Trauern sie mit den Gläubigen.“

Eine Minute später ging die Nachricht vom Tod des lächelnden Papstes um die Welt.