Krötenblut

 

Ich hasste Jahrmärkte. Meine beste Freundin, Anette, liebte sie. Also stand ich es durch – jetzt inmitten einer Meute Hungriger vor dem Grill. Mein Magen knurrte laut. Ich drückte eine Hand auf den Bauch. „Warum dauert das so lange?“

Anette reckte sich. „Elfen. Wahrscheinlich wieder Sonderwünsche beim Salat.“

„Na toll!“

Hinter mir zischte es laut. Ich schrak zusammen und drehte den Kopf so weit, dass ich aus dem Augenwinkel auf den Boden sehen konnte. Doch dort war keine Schlange. Da waren High Heels. Und in ihnen steckten silbrigweiße, schlanke Beine.

Die Meute teilte sich in zwei Reihen. Die Elfen, die zu den blassen Beinen gehörten, ordneten sich links ein. Anette rechts. Ich war zu langsam. Schon war meine Freundin zwei Meter vor mir.

Seitwärts schob ich mich durch die Wartenden und streifte dabei die Elfe mit dem goldblonden Haar. Die zog eine Augenbraue hoch und sah demonstrativ auf meinen Bauch. Ihre eisblauen Augen glitzerten kalt. Die Andere flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. „Redet doch lauter. Dann kann ich euch verstehen und vielleicht mit lachen.“

Die Elfen grinsten und flüsterten weiter.

Annette drehte sich um. „Was ist denn los?“

„Die beiden lästern“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Anette legte eine Hand auf meinen Arm. „Bleib ruhig. Die sind es nicht wert.“

„Mir egal. Jedes Mal führen die sich auf, als wären sie was Besseres.“

„Sind wir ja auch. Das ist doch wohl offensichtlich.“ Die schöne Blonde deutete auf das Symbol auf ihrer Stirn. „Wir sind eben Königsklasse.“

„Ihr eingebildeten Tussen ...“ In meinen Fingern kribbelte es. Ich verschränkte sie, um die wachsenden Nägel nicht tief in diese schönen Gesichter zu schlagen.

Die Elfen bestellten Salat.

Natürlich!

Ich zog den Bauch ein.

Anette tippte der Blonden auf die Schulter. „Ich glaube du hast einen Armreif verloren.“

Augenblicklich sahen beide zu Boden und suchten.

Auch ich suchte, konnte aber nichts entdecken.

„Das findest du wohl komisch was?“, keifte die Elfe, nahm das mit Salat beladene Tablett und verschwand mit ihrer Gefährtin in der Menge.

Anette bestellte eine Riesenbratwurst. „Was willst du essen?“

„Nichts“, murrte ich und drückte die Faust so fest auf meinen Magen, dass er schmerzte.

„Komm schon. Du gibst doch sonst nichts auf das Gerede der Anderen“, sagte Annette und hielt mir ihren Teller unter die Nase.

Beim Geruch nach Fleisch und Rauch sammelte sich das Wasser in meinem Mund. „Ein Steak, eine Grillkartoffel, einen großen Salat und eine Apfeltasche.“

Anette bezahlte und steuerte mit dem Tablett einen Tisch in der Nähe der Elfen an.

Ich grummelte. „Können wir uns nicht woanders hin setzen?“

„Hier ist die Sicht besser“, entgegnete Annette und klang dabei wie ein Kind beim Anblick von Weihnachtsgeschenken.

Stirnrunzelnd musterte ich meine Freundin.

Ein paar Meter weiter kaute die Blonde angestrengt, verzog das Gesicht und spuckte grüne Masse aus.

Angewidert schüttelte ich den Kopf. So eine wiederkäuende Kuh.

Ich schnitt ein großes Stück des Steaks ab und schob es in den Mund.

Anette rührte ihr Essen nicht an. Sie verschränkte die Hände, legte ihr Kinn darauf und sah mit verklärtem Ausdruck in den Augen über die Wiese. Ich folgte ihrem Blick.

Erst dachte ich, die Elfe würde irgendeinen verrückten Tanz aufführen. Doch dann sah ich, dass sie sich krümmte, streckte und wieder krümmte. In rasender Geschwindigkeit. Dabei griff sie sich an den Hals, zuckte und schrie. Die eisblauen Augen weiteten sich und wölbten sich nach vorn. Jeder, der sich in der Nähe der Elfe befand, wich zurück. Ein greller Lichtblitz brach aus ihr hervor und anstelle der schönen Blonden hockte eine Kröte auf dem Rasen. Groß und warzenübersät.

Ich schluckte das ungekaute, halbblutige Stück Steak hinunter und musterte Anette.

Die grinste breit und holte ein Fläschchen unter dem Umhang hervor.

„Krötenblut.“