Streuner

 

Lucys Morgenspaziergang endete wie jeden Tag in der Sackgasse am Waldrand. Träge legte sie sich unter einen Baum. Hier war es ruhiger als auf der Hauptstraße. Kleine Fachwerkhäuser mit schiefen Wänden erinnerten sie an vergangene Zeiten, in denen Magie noch selbstverständlich war. Vor allem das Haus ganz am Ende der Straße. Seit einem Jahr stand es nun schon leer; seit der alte Albert verstorben war.

Aus dem Augenwinkel nahm Lucy eine Bewegung wahr. Einen Katzensprung entfernt hüpfte eine unvorsichtige Meise durch das Gras. Ihr Jagdinstinkt erwachte. Mit weit geöffneten Augen und nach vorn gedrehten Ohren drückte sie sich flach an den Boden.

Sprintstellung.

Sprung.

Um ein Haar entwischte der Vogel.

Lucy würde den Jagdtrieb gern unterdrücken. Schließlich war sie selbst beinahe das Mahl eines Katers geworden. Vor mehr als zwanzig Jahren, während sie im Boden nach Würmern gepickt hatte. Nur die Fähigkeit blitzschnell die Gestalt zu ändern, hatte der Elfe das Leben gerettet. Auf Kröte hatte der Jäger dann doch keinen Appetit.

Lautes Motorengeräusch durchbrach die Stille. Zwei Möbeltransporter und ein dunkler Geländewagen bogen in die Sackgasse ein. Lucy rümpfte die Nase. Autos. Die stinkendste Erfindung der Menschen. Wenn man vom Harzer Käse absah.

Die Fahrzeuge hielten vor dem Haus des alten Albert.

Neugierig huschte die Katze über die Straße, durch dichtes Gebüsch und legte sich unter den Transporter.

Da waren kleine Füße in rosa Halbschuhen. Ein Kind. Es hüpfte. „Mama, darf ich auf die Wiese?“

„Natürlich Lisa.“ Die Stimme gehörte einer Frau mit weißen Ballerinas.

Beide entfernten sich.

Lucy kroch unter dem stinkenden Gefährt hervor. Die Frau schirmte mit einer Hand die Sonne ab. Mit der anderen streichelte sie über ihren kugelrunden Bauch. Das Mädchen rannte über die verwilderte Wiese und sang:

„Zwei mal drei macht vier

Wi di wi di wir und drei macht neune.

Ich mach mir die Welt,

Wi di wi di wie sie mir gefällt.“

Dann setzte sich in das hüfthohe Gras.

Lucy mochte Kinder. Sie waren fröhlich.

Die Mutter kam mit einem Krug Saft aus dem Haus und setzte sich auf einen gepolsterten Gartenstuhl. Eine normale Familie. Nicht sonderlich interessant. Lucy verschwand im Gebüsch.

„Ich muss noch mal los. Gegen acht bin ich zurück.“

Die melodische Männerstimme ließ die Tigerkatze innehalten. Die Nackenhaare sträubten sich, die Krallen bohrten sich tief in den Boden und ihr Herz pochte schneller, als es selbst für eine Katze gut war.

Geh einfach weiter. Er sieht bestimmt nicht halb so attraktiv aus, wie er sich anhört. Er ist ein Mensch.

Ein Motor röhrte.

Geh in den Wald. Geh nach Hause.

Das Motorengeräusch entfernte sich.

Puh!

Erst jetzt traute sich Lucy wieder zu atmen.

Sie sah hinüber zum Haus. Mutter und Tochter saßen auf der Terrasse. Das Mädchen drückte ein Ohr fest auf den Bauch der Frau. Ein idyllisches Bild.

Lucy rannte in den Feenhügel, als wäre ein besonders blutrünstiger Hund hinter ihr her. Sie ignorierte das Schimpfen einer Fee, durch deren Gemüsebeet sie raste und nahm ihre Elfengestalt an. In ihrem Häuschen war es still. Sie nahm eine Schüssel vom Regal und stellte alle Zutaten für einen Salat auf den Tisch.

Es war die letzte Vollmondnacht im Mai.

Wütend stampfte sie eine Löwenzahnblüte.

Warum heute?

Warum ein Mensch?

Mit einem Löffel kratzte sie die klebrig-gelbe Masse aus dem Mörser. Gänseblümchen, Zitrone und – wo verdammt war die Milch?

Sie räumte den Kühlschrank aus. Nichts!

Dann eben Salat ohne Dressing!

Verbissen kaute sie auf Blättern und Sprossen.

Bitter war die Ewigkeit. Und einsam.

Die Stimme des Mannes summte in ihrem Kopf, vibrierte in ihrem Herzen und tanzte im Magen Samba.

365 Tage warten. Eine Kleinigkeit für eine Elfe. Normalerweise. Aber mit der Enthaltsamkeit war es etwas Anderes. Wenn eine Melodie das Herz einer Elfe berührte und sich mit deren Seele verband, war es eine gefühlte Ewigkeit.

 

Lucy hielt durch. Mehrere Monate. Täglich putzte sie ihre Behausung im Feenhügel und ging im fahlen Licht des unterirdischen Reiches spazieren. Auf die morgendlichen Ausflüge in die Menschenwelt verzichtete sie. Als die Blätter der Bäume sich färbten, gab sie auf. Die Stimme in ihrem Kopf ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie musste ihn sehen.

Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die Nacht vertrieben, flog sie hinaus in die Welt der Menschen. Sie genoss das Gefühl der Freiheit. So schön ihr unterirdisches Reich auch war, mit den Jahrhunderten langweilte es.

Es war ein stürmischer Herbsttag. Der Wind zog an den bunten Blättern und schichtete sie am Boden zu einem goldenen Teppich. Es roch nach sich zersetzender Natur.

Lucy landete in einem Gebüsch nahe des Hauses und nahm die Katzengestalt an. Das kleine Herz pochte schmerzhaft schnell.

Nur noch ein paar Schritte.

Leichtfüßig schlich sie zum Haus. Die Katzenklappe an der Hintertür war noch da. Sie atmete tief ein, sprang und knallte mit dem Kopf gegen einen Widerstand.

Zugenagelt!

Mauzend versuchte sie, den Schmerz abzuschütteln. Da war ihr ein Kater lieber. Der, den sie nach dem Genuss von Wein bekam.

Die Tür öffnete sich.

„Wow. Mami, hier ist eine Katze.“ Das Mädchen strich Lucy über den Kopf. „Mami darf ich sie behalten? Biiitte!“

Die Frau erschien mit einem weinenden Bündel im Arm in der Tür. „Sie hat kein Halsband. Sicher eine streunende Katze. Ich weiß nicht, ob sie hier bleiben will, Spatz.“

„Bitte Mami.“ Mit großen Augen sah das Mädchen zu ihrer Mutter.

Die seufzte. „Na gut. Aber sie darf nicht zu Leo ins Zimmer.“

„Danke Mami. Darf ich sie Streuner nennen?“

Oohh nein! Dieser Name war absolut ungeeignet für eine Elfe!

„Natürlich mein Schatz.“

Zwei kleine Hände packten die Katze unter den Achseln. Eine äußerst ungemütliche Position. Lucy strampelte mit den Beinen und krallte sich in die Wolle des Pullovers.

„Aua. Böse Katze.“ Abrupt ließ das Mädchen Lucy fallen.

Na toll! Jetzt war sie also schuld. Das fing ja gut an.

Bis zum Abend kannte die Elfe jeden Winkel des Hauses. Egal wohin sie sich auf der Suche nach ein wenig Ruhe verkroch, Lisa fand sie. Mit fischig riechenden Stangen versuchte sie die Tigerkatze aus ihren Verstecken zu locken. Als das nicht funktionierte, holte sie einen Wollknäuel. Dem konnte Lucy nicht widerstehen. Blöde Katzeninstinkte!

Nach endlosen Stunden, so schien es Lucy, schickte die Frau das Kind zu Bett. Glücklicherweise gab die Mutter dem Flehen und Betteln des Mädchens, die Katze in ihrem Bett schlafen zu lassen, nicht nach. Wahrscheinlich hätte sie dann als Kopfkissen herhalten müssen.

Die Katze setzte sich auf das Fensterbrett und spähte in die Dunkelheit. Eine Stunde später hielt der dunkle Wagen vor dem Haus.

Mit einem Satz sprang Lucy über das Sofa, auf den Perserteppich und schlich in den Flur.

Da stand er. Genau so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte: groß, schlank, mit Augen, leuchtend wie Aquamarin. Der Mann, auf den sie seit über 200 Jahren gewartet hatte.

Sie schloss die Augen und –  schnurrte. Natürlich!

„Oh, wir haben einen Gast?“

Es war, als hätte jemand einen Gong geschlagen und die Vibrationen des Katzenkörpers um ein Hundertfaches gesteigert. Jetzt gab es kein zurück mehr.

„Ein neues Familienmitglied“, kam die Stimme der Frau aus der Küche.

Das Lachen des Mannes ließ Lucy erschaudern. Ihr Schwanz zuckte. Schnurrend strich sie um seine Beine.

Er ging in die Hocke und streichelte ihren Kopf. Ungeduldig stupste Lucy gegen die großen Hände, sog den blumigen Geruch ein. Sie konnte einfach nicht widerstehen. Mit der Nase fuhr sie über seine Haut, gefolgt von ihrer Zunge.

Er schmeckte nach Seife.

Behutsam nahm der Mann die Katze hoch. „Du fühlst dich wohl hier, oder?“

Blöde Frage. Natürlich fühlte sie sich wohl. Laut schnurrend kuschelte sie sich in seine warmen Arme, streckte die Pfoten aus und krallte sich an den Mann ihres Herzens.

 

Wochen vergingen. Lucy streifte vormittags durch das Dorf, stahl Wiener beim Metzger, flog über Gärten und kehrte erst abends, als Streuner, in das Haus in der Sackgasse zurück.

Der Mann, Dominik, war Musiker. Oft saß er noch bis spät in die Nacht am Klavier. Lucy lag dann auf dem Fensterbrett und lauschte den Melodien, die fast so schön wie seine Stimme waren. Wann immer er seine Arbeit unterbrach, strich sie schnurrend um seine Beine und genoss seine warmen Hände auf ihrem Fell. Er erzählte ihr von seiner Arbeit, von der Musik und davon, wie gerne er als Konzertpianist arbeiten würde.

An den Wochenenden unternahm die Familie Ausflüge. Streuner musste mit. Sie hasste die stinkende Blechbüchse. Aber noch mehr hasste sie das Katzengeschirr. Nur Dominik zuliebe ertrug sie es.

Anfang Dezember stand ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt einer größeren Stadt auf dem Programm. Lucy wurde die meiste Zeit getragen. Mittags fiel der erste Schnee. Bald war alles mit einer pudrig-weißen Schicht überzogen. Da kam selbst eine Katze in Weihnachtsstimmung.

Als die Familie am späten Nachmittag losfuhr, änderte sich das Wetter. Dicke Regentropfen schlugen gegen die Frontscheibe. Immer wieder mischten sich Hagelkörner dazwischen.

Dominik fuhr sehr langsam. Lucy hätte problemlos neben dem Auto herlaufen können. Sie spürte die nervöse Unruhe, die von ihm ausging.

Lisa streckte immer wieder ihre kleine Hand aus und kraulte Lucy hinter den Ohren. Dabei sang sie vom Weihnachtsmann und über einen ewig grünen Baum. Die Frau hielt die Hand ihres Mannes.

Plötzlich schlingerte die Blechkiste. Lucy schlug die Krallen in die Sitzpolster und starrte durch die Windschutzscheibe. Im Scheinwerferlicht sah sie einen Baum auf das Auto zurasen.

Die Bremsen quietschten.

Ein Scheppern und Kreischen.

Geräusche von Metall, das verformt wird, fuhren Lucy elektrisierend durch den Körper. Das Katzenfell sträubte sich. Instinktiv verwandelte sie sich in einen Falter und wich knapp einem Ast aus, der sich in das Auto bohrte.

Hektisch schlug sie mit den Flügeln. All ihre Gedanken konzentrierten sich auf einen Menschen: Dominik!

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Er blutete. Sein Kopf lag auf dem Lenkrad.

Sie flatterte zu ihm und fühlte den Puls. Er war schwach. Dann strömte die Magie der Elfe in Dominiks Adern.

Dominik überlebte den Unfall.

Als Einziger.

Von da an war alles anders.

Er hatte nicht nur seine Familie verloren, sondern auch sich selbst. Wenn er abends nach Hause kam, starrte er stundenlang ins Leere. Manchmal sah er sich Fotos an oder zappte durch die Kanäle des Fernsehers. Er weinte nie. Er sprach nie. Und er rührte das Klavier nicht mehr an. Sein stummes Leid hing schwer im Haus, wie die drückende Stille vor einem Gewitter.

Lucy blieb und wartete. Wartete auf sein Streicheln. Wartete, dass er sie in den Arm nehmen würde. Wartete auf den Mai.

Dann endlich war es soweit.

Pünktlich um zehn fuhr der dunkle Wagen vor.

In Gedanken ging Lucy ihre Taktik durch: Dominik begrüßen; als Katze natürlich. Warten, dass er sich setzte. Dann die Verwandlung.

Und – Lucy schnurrte - der Kuss. Der Augenblick, den sie seit Monaten herbei sehnte.

Zum Schluss kam der schwierigste Teil. Sie musste ihn in den Wald locken. War er erst einmal am Feenhügel angekommen, gehörte er ihr.

Dominik stürmte ins Haus. Hastig zog er Jacke und Schuhe aus und warf alles achtlos auf den Boden. Dann ging in das Arbeitszimmer, klappte das Klavier auf und spielte.

Das Stück war anders als alles, was Lucy bis dahin gehört hatte. Seine Finger glitten über die Tasten, als suche er nach den richtigen Tönen. Sanft und liebevoll.

Er schloss die Augen; seine Lippen bebten.

Lucy hatte einen Kloß im Hals. Sie spürte die Trauer, die aus Dominiks Innern in die Musik floss.

Zitternde Töne, die manchmal versagten. Pausen, wie Zeit zum Weinen. Hohe Töne der Sehnsucht, des Schmerzes.

Dominik öffnete die Augen. Sie glänzten feucht. Eine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel.

Lucys Eingeweide fühlten sich an, wie ein verknoteter Haufen steinharter Würstchen. Ein Mauzen, wimmernd und zitternd, kam aus ihrer Kehle.

Sie hielt es nicht länger aus. Im Schatten des Klaviers verwandelte sie sich.

Dominiks Augen weiteten sich, als sie im Licht des Vollmondes auf ihn zuging.

„Isabella.“

Es war nur ein Flüstern, aber es nahm der Elfe einen Moment den Atem. Trauer, schwerer noch als die von Dominik, legte sich auf sie.

„Liebster“, sagte sie. „Komm mit mir.“

Dominik saß am Klavier, strich mit den Fingern über die Tasten und starrte mit leerem Blick durch Lucy hindurch.

„Isabella.“

Wie von allein bewegten sich seine Finger, stimmten eine neue Melodie an. Eine Melodie voller Liebe, kraftvoller als die vorherigen. Bekennender. Ein Sturm der Gefühle erfüllte den Raum. Die Spannung entlud sich.

Lucy wusste, dass die Töne nicht ihr galten. Er würde ihr nie gehören.

Wehmütig strich sie über seine Haare, hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und flüsterte: „Lebe wohl, mein Liebster.“