Verkucht und zugesahnt

 

Meine Finger klebten, als hätte ich in einen Honigtopf gefasst. Ich hätte Handschuhe anziehen sollen.

„Bist du soweit“, fragte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und wies mit einer klebrigen Hand auf den Haufen, der auf der Arbeitsfläche lag.

„Es klappt einfach nicht“, sagte ich und wischte mir die Hände an der Schürze ab.

Meine Freundin Lucy blähte die Wangen und stieß die Luft mit einem lauten Seufzer aus. „Du hast noch genau zehn Minuten. Wenn du bis dahin nichts ablieferst ...“

„Ich weiß“, grummelte ich und wandte mich wieder dem undefinierbaren Etwas auf der Arbeitsfläche zu. „Aber dieses Sch ... lemmerstück will einfach nicht gelingen. Erst war der Teig zu weich, dann ist er eingefallen und jetzt ist er bretthart. Die Erdbeeren sehen aus, als hätte ich mich erst draufgesetzt und sie dann auf die Torte gelegt und ... Shit.“

Hektisch schaute ich mich um. Wo war die verdammte Schüssel? Ich nahm die leeren Mehltüten, die Kiste mit dem Zimt und Vaniliestangen, Messer, Löffel, Schüsselchen und Schälchen beiseite. Da!

„Verdammt noch eins.“

Lucy stellte sich neben mich und schaute in die Schüssel. „Was ist passiert?“

„Die Sahne“, sagte ich. Meine Stimme zitterte.

„Welche Sahne?“, fragte Lucy.

„Genau.“

Die Schüssel war leer. Die Uhr über der Arbeitsfläche zeigte sieben Minuten vor zwölf. Das musste reichen. Eilig durchquerte ich die Küche, riss die Kühlschranktür auf und griff mir zwei Becher Sahne.

„Willst du jetzt etwa noch ...“

„Ja“, knurrte ich.

Sahne in die Schüssel, Mixer an, los. Das war meine leichteste Übung.

Sechs Minuten.

Am besten strich ich die Sahne glatt auf den Boden. Vorher musste ich noch die zermatschten Erdbeeren entfernen. Hoffentlich merkten die Prüfer nichts.

Fünf Minuten.

Statt der Erdbeeren würde ich einfach Dekoblüten auf die Torte legen. Ich hielt den Mixer fest in der Hand und zog die zweite Schublade auf. Marzipandecken, Zuckerplatten, Streusel und – endlich – die Dekoblüten. Ich legte sie auf die Arbeitfläche und wandte mich der Schüssel zu.

Mein Herzschlag beschleunigte auf doppelte Geschwindigkeit, meine Finger zitterten, der Mixer glitt mir aus der Hand.

„Was ist passiert“, fragte Lucy und hob den Mixer auf. „Oh – mein – Gott.“

„Ich bin ein Versager“, krächzte ich. In meiner Kehle steckte etwas, das sich anfühlte, wie ein besonders trockener Sandkuchen. „Ich habe es versaut. Aber sowas von ...“

„Ich ... Quatsch“, sagte Lucy, legte den Mixer weg und drehte mich an den Schultern zu sich herum. „Du wirst jetzt nicht einfach aufgeben! Deine Torte braucht keine Sahne! Du kannst sie auch mit Schokolade verzieren.“

„Meine Zeit ist abgelaufen“, sagte ich.

„Du hast noch ...“, Lucy schaute auf die Uhr. „… drei Minuten. Du kannst doch noch mal Sahne schlagen.“

Ich schüttelte den Kopf und starrte die Bröckchen in der Schüssel an. „Ist keine mehr da.“

„Dann eine Marzipandecke.“

„Das passt nicht. Das sollte eine Erdbeer-Minz-Sahnetorte werden.“

„Dann wird es eben ...“

„Nein!“, sagte ich und riss mich los. „Das passt nicht. Ich habe mir alles genau überlegt. Die Zutaten, die feinen Geschmacksnuancen, wie alles zusammenwirkt und welche Aromen sich bei dem ersten Bissen entfalten. Wie alles auf der Zunge zergeht.“

Lucy verschränkte die Arme vor der Brust. „Hör mal zu, du Geschmacksgenie. Du bist gut. Mehr als das. Aber du bist auch ein verdammter Dickschädel und – entschuldige, wenn ich dir das so direkt sage – ein absoluter Chaotiker. Warum muss es denn wieder so mega-kompliziert sein? Schau dir nur mal die Küche an! Hier steht alles durcheinander. Tüten, Schachteln und diese ganzen Schälchen. Wozu brauchst du den ganzen Kram? Und die Küchenmaschine, die hier rumsteht hast du noch nie benutzt“, schimpfte Lucy weiter und schob das silberne Monstrum ein Stück zur Seite.

Statt weiter auf mich einzureden, wie sie es sonst immer machte, wenn sie einmal damit angefangen hatte, drehte sie sich ruhig und betont langsam zu mir um. Die Augenbrauen waren so dicht zusammengezogen, dass ein Wulst dazwischen stand.

„Was ist das?“, fragte sie gepresst.

„Küchenmaschine“, flüsterte ich.

„Das meine ich nicht! Ich meine diese – Torte!“ Sie drehte sich wieder um und zeigte auf – eine Torte, die hinter der Küchenmaschine stand. Die Torte, die ich heute Morgen als Probestück gebacken hatte. Die Torte, die komplett fertig war. Die eine perfekte Sahneverzierung hatte. Die Torte auf der gepuderte Erdbeeren lagen.

„Da fehlt das Minzaroma im Teig.“

Mit einem Ruck drehte Lúcy sich um. Ihr Zopf zischte einen Zentimeter vor meinem Gesicht vorbei. Aber es wäre mir viel lieber gewesen, er hätte mich mit voller Wucht getroffen, denn Lucys Blick war schlimmer.

„Willst du mich verarschen?“, zischte Lucy. „Da steht eine scheiß-perfekte Torte und du faselst hier was von Minzaroma?“

„Ohne ist es nicht dasselbe.“

Lucy stach mit ihren Zeigefinger in das in die Vertiefung unter dem Schlüsselbein. „Wenn du jetzt nicht sofort diese Torte nimmst und sie den Prüfern bringst, und dafür deine wohlverdiente Bestnote abholst, dann schwöre ich, mache ich aus dir einen verdammten Kuchenfluch. Wie lange willst du eigentlich noch warten, bis du dich traust? Wovor hast du solche Angst?“

Ich schluckte. Da war er wieder, der Sandkuchen, und verstopfte meine Kehle. „Was, wenn sie sie nicht mögen? Wenn sie ihnen nicht schmeckt? Wenn sie nie wieder eine meiner Torten essen wollen?“

Lucy atmete tief ein und nahm meine Hand. „Schau dir diese Torte an. Überlege, wie viel Zeit und Liebe du dort hineingegeben hast. Wie du den Teig beobachtet hast, ob er die richtige Färbung annimmt und wie du ihn dann belegt und verziert hast. Denk daran, welchen Spaß du dabei hattest.“

Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Alles hatte sich perfekt zusammengefügt. Alles, bis ich das Minzöl auf der Arbeitsfläche gesehen hatte.

„Magst du diese Torte?“

Ich nickte.

„Dann werden die Prüfer sie lieben.“

Ich straffte die Schultern. „Du hast Recht.“

„Ich weiß“, sagte Lucy, nahm die Torte und reichte sie mir. 

Doch all der Kleber an meinen Finger reichte nicht aus, um das Unglück abzuwenden. – Die Torte rutschte und fiel.